„Chile, schmales Blütenblatt aus Meer und Wein und Schnee“

Dieses lyrische Bild fand der Publizist Peter B. Schumann in einem dünnen Gedichtband von Pablo Neruda, den er auf seiner ersten Reise durch Lateinamerika 1969 mitgenommen hatte. Ihn beeindruckte vor allem, wie es dem chilenischen Nationaldichter gelang, die einzigartige geografische Lage seines Landes in diesen beiden Verszeilen auszudrücken. Denn Chile erstreckt sich über mehr als 4.000 km an der Westküste Lateinamerikas entlang von Feuerland bis hinauf nach Peru und ist im Osten durch die endlose Bergkette der Andenkordilleren von Argentinien getrennt.

Kontinent im permanentem Umbruch heißt das SWR-Feature, in dem Peter B. Schumann ein Resümee seiner publizistischen Arbeit in Lateinamerika zieht.  Wir stellen Auszüge vor. Nach Buenos Aires nun   Teil III:  Santiago de Chile

Die Hauptstadt Santiago de Chile kam mir damals reichlich provinziell, ein bisschen verschlafen vor, so gar nicht Energie geladen wie Rio oder Buenos Aires. Dennoch fühlte ich mich wohl: Der Frühling grünte allerorten, und auf den Kordilleren lag noch Schnee. Der Wahlkampf um die Präsidentschaft kündigte sich bereits an. Ab und zu las ich den Namen Salvador Allende auf einer Wand: er sagte mir jedoch noch nicht viel. Ansonsten herrschte Ruhe im Land.

unknownEin Jahr danach, im Oktober 1970, wurde Salvador Allende als Kandidat der Unidad Popular, dem linken Parteienbündnis der Volkseinheit, zum Staatspräsidenten gewählt. Er wollte – zum ersten Mal in Lateinamerika – ein sozialistisches System mit demokratischen Mitteln etablieren. Dafür wurde er von der Linken weltweit bejubelt und von der Rechten von Anfang an bekämpft. Chile blühte auf, vor allem seine Kultur – wie so oft in Situationen des gesellschaftspolitischen Umbruchs.

Mural_Victor_JaraEinst graue, schmutzige Mauern wurden mit fröhlichen Farben bepinselt, mit Wandbildern bemalt, Sozialprogramm illustrierend oder Widerstand gegen die immer heftiger reagierende Rechte im Land signalisierend. Kunst vom und für das Volk entwickelte sich auch in der Musik: alte Instrumente wurden wieder entdeckt, alte Melodien neu getextet und neue hinzu komponiert. Und die Literatur blieb nicht länger ein Privileg für die zahlungsfähige Mittel- und Oberschicht, sondern wurde durch den staatlichen Verlag Quimantú popularisiert: Klassiker kosteten nicht mehr als ein Päckchen Zigaretten und erreichten Auflagen von 100- bis 150.000 Exemplaren. Die Regierung der Unidad Popular mobilisierte die Massen und stimulierte die künstlerische Phantasie des Volkes.

Doch am 11. September 1973 – drei Jahre nach Allendes Wahl – putschte das Militär unter dem Kommando von General Pinochet und unterstützt vom US- amerikanischen Geheimdienst CIA. Ich werde die Abschiedsrede von Salvador Allende nie vergessen.

Mitbürger! Dies wird sicher die letzte Gelegenheit sein, bei der ich mich an Euch wenden kann. Die Luftwaffe hat die Sendemasten von Radio Portales und Radio Corporación bombardiert. Sie haben die Macht. Sie können uns unterdrücken, aber die gesellschaftlichen Prozesse lassen sich weder durch Verbrechen noch durch Gewalt aufhalten. Die Geschichte ist unser. Sie wird von den Völkern geschrieben!… Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Werktätigen. Dies sind meine letzten Worte. Ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion erteilt, die Feigheit, Niedertracht und Verrat strafen wird.

Kurz darauf erschoss sich Salvador Allende, denn er wollte nicht in die Hände der Faschisten fallen. Sie machten Tabula rasa mit den Linken und mit allem, was auch nur vermeintlich links war. Die Massenverhaftungen konnten sie nur bewältigen, indem sie Tausende von Inhaftierten in das riesige Nationalstadion sperrten. Später errichteten sie Konzentrationslager an den menschenfeindlichsten Orten im eisigen Süden und im heißen Norden des Landes. Rund 3.000 Menschen überlebten das nicht oder wurden ermordet oder verschwanden gewaltsam.

Zu den ersten Künstlern, die die Soldateska fasste, gehörte der legendäre Liedermacher Víctor Jara, dessen Songs mich heute noch berühren. Wie viele seiner Leidensgenossen wurde er gefoltert. Ihm zerbrachen ihm sogar die Finger: er sollte nie wieder Gitarre spielen. Aber er stimmte dennoch Venceromos an (Wir werden siegen), die Hymne der Unidad Popular. Sie erschossen ihn. Heute haben seine Lieder eine überraschende Aktualität gewonnen.

Die Entwicklung, die Pinochet einleitete, war eine perfekte Gegenrevolution. Die totale Repression lief so präzise ab wie ein Schweizer Uhrwerk. Er etablierte im Land ein Regime absoluten Terrors. Pinochet und die Militärjunta schworen, die Linke mit allen Wurzeln auszurotten. Und begingen dabei die schrecklichsten Menschenrechtsverbrechen – wie die Diktatoren in Uruguay, Argentinien und Brasilien.

Junta_Militar_de_Pinochet

Antonio Skármeta berichtete mir in Berlin, wo der berühmte chilenische Schriftsteller bis zum Ende der Diktatur 1989 im Exil lebte:

Pinochet kümmerte sich dabei nie darum, populär zu werden – wie andere Diktatoren. Er verordnete eine rigorose Wirtschaftspolitik auf martialische Weise, von der nur die reiche Minderheit im Land profitierte und die die Armen völlig außer Acht ließ.

Für mich blieb Chile zunächst das Experimentierfeld des Neoliberalismus in Lateinamerika mit allen Exzessen eines nur auf Profit orientierten Systems und einer nur auf Konsum angelegten Kultur. Aus Solidarität mit den Verfolgten habe ich jahrelang einen Bogen um dieses Land gemacht. Auch waren die meisten meiner Bekannten und Freunde ins Ausland geflohen. Doch dann rief mich Antonio Skármeta zu sich, der in Berlin-Charlottenburg nur ein paar Straßen weiter wohnte, und zeigte mir Zeitungsartikel aus Chile. Es muss Mitte 1976 gewesen sein. Ich las erstaunliche Nachrichten über den Widerstand der Kultur. 

Die Theatergruppe ALEPH hat Im Anfang war das Leben aufgeführt, ein neues Stück von Oscar Castro über einen Kapitän, der im Sturm Schiffbruch erleidet. Trotz des großen Erfolgs wurde es verboten. Es war die verkappte Geschichte der Unidad Popular. Der Schlussmonolog glich der letzten Rede von Salvador Allende und seiner Überzeugung, dass die Wahrheit siegen werde.

Das französisch-chilenische Kulturinstitut hat eine Ausstellung des Künstlers Guillermo Nuñez eröffnet. Er hat Alltagsgegenstände in Käfigen angeordnet, z.B. eine Krawatte in den chilenischen Farben als Schlinge gebunden und umgekehrt aufgehängt.Kurz nach der Vernissage wurde sie verboten, der Maler verhaftet und des Landes verwiesen.

Kultur als Widerstand und zwar von Anfang bis Ende des Militärregimes – das hat es in dieser konsequenten Form in keiner anderen Diktatur Lateinamerikas gegeben. Die Kulturschaffenden haben es verstanden, die Risse im Herrschaftssystem aufzuspüren und die Lücken zu erweitern. Und sie haben dafür Verbote und Verhaftungen auf sich genommen.

Die Pinochet-Diktatur hatte in Chile Mitte der 70er Jahre den Neoliberalismus in seiner radikalsten Form implantiert. Der Staat zog sich weitgehend aus der gesellschaftlichen Verantwortung zurück und überließ zentrale Aufgaben den sog. Kräften des Marktes. Wer seither eine Schule oder Hochschule besuchen will, muss dafür teuer bezahlen. Und wer das nicht kann, muss sich verschulden. Diese Situation hat sich durch die seit 2010 herrschende Rechtsregierung noch verschärft. Doch es geht nicht nur um eine Bildungsreform.

Der Studentenvertreter Francisco Figueroa:

„Die große Mehrheit der Chilenen lebt heute in einer Armut neuen Typs. Sie haben zwar ein Handy und ähnliches, müssen dafür aber Schulden in Kauf nehmen. Und wenn sie ihre Kinder zur Schule schicken, vergrößert sich die Schuldenfalle. Sie leben in einer höchst prekären Situation. Ihnen, der Basis einer neuen sozialen Bewegung, wollen wir helfen. / Deshalb brauchen wir tiefgreifende Veränderungen, mehr Demokratie, mehr Gleichheit und einen Staat als Garanten der sozialen Rechte.“

Die Forderungen des Studentenvertreters vor knapp zehn Jahren sind heute so aktuell wie damals. Und heute ist wieder derselbe rechtskonservative Präsident Piñera an der Macht. Offensichtlich hat er aus den Massenprotesten der Studierenden von 2011 nichts gelernt, denn wieder setzt er die gleichen Methoden des Polizeiapparats gegen die Demonstrierenden ein. , die ich damals hautnah erlebt habe. Um mir einen eigenen Eindruck zu verschaffen, begleitete ich einen Protestmarsch. Nach drei Stunden ging er friedlich zu Ende. Da sah ich, wie sich eine Phalanx aus schwer bewaffneten Polizisten, Reitern, Wasserwerfern und anderen Einsatzfahrzeugen in Bewegung setzte.

Vom anderen Ende der Straße rollt  eine Tsunami-Wand aus Wasser, Rauch und Tränengas auf uns zu. Ich will zusammen mit anderen Leuten in einen Hauseingang flüchten, weil jetzt auch die Carabineros zuzuschlagen beginnen. Endlich lässt man uns rein. Meine Augen brennen wie Feuer, ich kann kaum atmen. Allen anderen hier im Hauseingang geht es ähnlich. Zwei Frauen verteilen Zitronen. Ganz allmählich lassen die Schmerzen nach, und die Neugier des Reporters kehrt zurück. Ist das für sie eine alltägliche Erfahrung?

 „Für uns Ältere ist das überhaupt nichts Neues, denn es ist die alte Taktik der Diktatur: viel Repression auf der Straße, überall Kontrollen. Mit diesen Methoden reagiert die Rechtsregierung auf die Studentenbewegung und überhaupt auf jede gesellschaftliche Manifestation. Die früheren Regierungen hatten die Carabineros noch unter Kontrolle. Aber jetzt können die wohl machen, was sie wollen, auch ohne Durchsuchungsbefehl in Wohnungen eindringen und Universitäten und Schulen durchsuchen, weil dort angeblich Bomben gebaut und Waffen versteckt würden. Aber das wird die Leute nicht entmutigen. Sie werden sich vielmehr radikalisieren.“

Was diese Chilenin 2011 prophezeit hat, ist im Oktober 2019 eingetreten. Eine moderate Erhöhung der U-Bahn-Preise rief einen sozialen Aufstand hervor. Anfangs protestierten nur die Studenten. Dann mischten sich Gewalttäter ein und demolierten 11 Metro-Stationen. Präsident Piñera sprach von „Krieg“, verhängte denAusnahmezustand und schickte die Armee in die Straßen. Das war ein entscheidender Fehler. Denn Panzer in den Straßen – das erinnerte die Mehrheit der Bevölkerung an die Diktatur. Aus Protesten von ein paar Tausend Studierenden in Santiago wurden mehrere Massendemonstrationen von über einer Million Menschen im ganzen Land. Die politische Elite war geschockt angesichts des millionenfachen Protestes. Die Regierung kündigte Sozialmaßnahmen an, das Parlament eine verfassungsgebende Versammlung: endlich soll die Verfassung aus der Zeit der Diktatur verändert werden.

Manifestación_con_bengala_en_Plaza_Italia_(2019)

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ©Peter B. Schumann

Das Feature zum Nachhören hier:

Bilder: Cerros de Incahuasi mountains with the Salar de Talar salt flat in the foreground near San Pedro de Atacama, 4010 meters, Chile via Wikimedia Commons

Salvador Allende via Wikimedia Commons

Mural Victor Jara via Wikimedia Commons

Junta Militar de Pinochet via Wikimedia Commons

Manifestación con bengala en Plaza Italia via Wikimedia Commons

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Klaus Zimmermann sagt:

    Danke für diese Erinnerungsauffrischungen von 1973, einer Zeit der Hoffnung für Lateinamerika.

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  2. Gerhard Mertschenk sagt:

    1973 war keine Zeit der Hoffnung für Lateinamerika. Ein faschistischer Putsch mit Tausenden von Ermordeten, Gefolterten und gewaltsam vom Staat zu Verschwundenen gemachten, unterstützt von den USA, den angeblichen Verteidigern von Demokratie und Freiheit, sollte Hoffnung für Lateinamerika bringen? Eher wäre wohl 1970 die Wahl Allendes mit der Hoffnung auf unabhängige demokratische und freiheitliche Länder in Lateinamerika verbunden. Aber das durfte nicht sein, deshalb der Putsch. Allende erhielt keinerlei Unterstützung von der SPD/FDP-geführten Bundesrepublik, ganz im Gegenteil, die BRD-Regierung schloss sich der von den USA angeführten Politik der internationalen Kreditverweigerung an Chile an, fror auf Wunsch der USA-Regierung im Hamburger Hafen liegendes chilenisches Kupfer ein, aus dessen Erlös Allende soziale Reformen finanzieren wollte, um einen demokratischen Sozialismus zu errichten. Statt dessen sollten die fehlenden Einnahmen die Wirtschaft erdrosseln und zu sozialen Unruhen gegen Allende führen. Diese Politik der USA und der BRD ist um so erstaunlicher bzw. enthüllender, weil dieselben Länder zwei Jahre zuvor, 1968, die Errichtung eines Sozialismus mit humanistischen Antlitz unter Alexander Dubcek in der CSSR mit Wirtschafts- und anderer Hilfe unterstützen wollten. Warum hier ja, dort nicht? Welche Kräfte wirkten da in welche Richtung? Diese Frage sollte sich jeder durch den Kopf gehen lassen bei der Beurteilung des Putsches gegen den demokratisch gewählten Allende und des „Prager Frühlings“.

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