Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa beschreibt in seinem neuen Roman Harte Jahre den 1954 von den USA betriebenen Sturz des progressiven guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Árbenz und setzt damit die Reihe seiner politischen Meisterwerke fort.*

Mario Vargas Llosa gehört zu den großen Autoren Lateinamerikas, die im sog. Boom der 1960er und 1970er Jahre die Literatur des Kontinents auf einen Schlag weltbekannt gemacht haben. In seinem umfangreichen Werk hat der peruanische Nobelpreisträger immer wieder zentrale gesellschaftliche und politische Probleme aufgegriffen und vor allem auch die Diktaturen bekämpft. In seinem jüngsten Werk Harte Jahre beschäftigt er sich mit dem besonders tragischen Fall des guatemaltekischen Präsidenten Árbenz. Dieser wollte mit einer Landreform das Elend der Bevölkerung bekämpfen, doch die USA stürzten ihn 1954.

 „Guatemala ist wahrscheinlich eines der schönsten Länder der Welt, aber seine Geschichte, vor allem die republikanische, ist auch eine der gewaltreichsten der Welt.“

Mario Vargas Llosa bei der ersten öffentlichen Vorstellung seines neuen Romans Harte Jahre im Amerika-Haus in Madrid. Gewalt war für ihn seit seinem ersten Roman Die Stadt und die Hunde stets ein faszinierender Stoff, der es ihm ermöglichte, menschliche Perversionen und politische Abgründe darzustellen. Die Tragödien Lateinamerikas in Peru, Brasilien oder der Dominikanischen Republik haben ihn zu großen, hellsichtigen Romanen angeregt. Doch in Guatemala fand er eine Geschichte, die weit über das Land hinausreichte und die Historie des Kontinents im letzten Jahrhundert verändert hat.

Den Grundstoff bildet der Sturz des fortschrittlichen Präsidenten Jacobo Árbenz im Jahr 1954 durch die US-amerikanische Regierung und den CIA. Árbenz wollte die Ausbeutung seines Landes durch den Bananenkonzern United Fruit mit Hilfe einer Landreform beenden, strebte aber keineswegs sozialistische Verhältnisse an, sondern „eine kapitalistische Demokratie wie in den USA“. Die Großgrundbesitzer sollten sogar für enteignetes Land entschädigt werden. Dennoch begann sich diese kleine Clique zusammen mit dem US-Multi sofort zu wehren. In den USA wurde eine Hetzkampagne organisiert, der sich sogar die progressivsten Zeitungen anschlossen.

„Diese Blätter, die heute eine hervorragende Kampagne gegen Präsident Trump führen –  New York Times, Washington Post, Time Magazine –  behaupteten damals, dass Guatemala ein Brückenkopf der Sowjetunion sei. Aber es gab dort nicht einen einzigen Russen. Dennoch versicherten sie, entdeckt zu haben, dass von hier aus der Kommunismus in Lateinamerika verbreitet und der Panama-Kanal erbeutet werden sollte.“

Mit solchen Fake-News wurde damals eine Invasion Guatemalas vorbereitet, um Sozialreformen zu verhindern. Sie hätten dem Land und ganz Mittelamerika spätere Bürgerkriege erspart – davon ist Mario Vargas Llosa überzeugt. Deshalb hat er diesen Stoff in Harte Jahre auf mehr als 400 Seiten aufgearbeitet und in all seinen erschreckenden und teilweise bisher unbekannten Verästelungen dargestellt. Árbenz und seine Landreform bilden dabei nur ein kleines Kapitel.

Dem peruanischen Nobelpreisträger geht es vor allem um die Täter, um die Hauptakteure und das Netz aus Desinformationen, Partikularinteressen, Gebietsansprüchen und Gewinnsucht, das sie über Guatemala ausbreiteten, um ans Ziel zu gelangen. Kaum eine dieser historisch verbürgten und namentlich genannten oder auch hinzu erfundenen Figuren hat sympathische Züge. Es sind meist Macht besessene Widerlinge von shakespearschem Format, die mit Sex, Gewalt, Verrat, mit Mord und Totschlag operieren und nicht das geringste Interesse am Schicksal eines Landes besitzen. Der Leser kann froh sein, wenn die meisten von ihnen das verdiente Schicksal ereilt.

Selbst Jacobo Árbenz wird nicht als strahlender Reformer geschildert, sondern als scheuer, schweigsamer, aber auch ehrlicher und aufrechter Politiker, der mit seiner Landreform die Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung fand. Seine Frau María Cristina Vilanova ist die eigentliche Sympathieträgerin: sie hat den ehemaligen Offizier Árbenz politisch geformt. Doch eine andere weibliche Gestalt hat der Autor in den Mittelpunkt seines Romans gestellt: Martita Borrero, Miss Guatemala genannt.

„Das ist eine außerordentlich romanhafte Figur. Sie war schon früh sehr schön und auch sehr erwachsen. Wie sie Geliebte von Diktator Castillo Armas wurde, der Árbenz stürzte, ist so wenig bekannt wie die Rolle, die sie bei der späteren Ermordung von Castillo Armas gespielt hat. War sie Mittäterin oder unschuldiges Opfer? Jedenfalls floh sie in die Dominikanische Republik, wurde zu einer bekannten Radio-Journalistin und verteidigte alle existierenden Diktatoren Lateinamerikas.“

Mario Vargas Llosa hat in Harte Jahre eine derartige Fülle von Material und Personal verarbeitet, dass Leserinnen und Leser leicht den Überblick verlieren können. Auch liebt er es, innerhalb eines Kapitels abrupt die Zeiten zu wechseln, in die Vergangenheit der agierenden Gestalt abzutauchen, ein Randgeschehen einzublenden oder neue Figuren unvermittelt einzufügen.

Andererseits ist er ein Meister der Recherche, der aus scheinbar unwichtigen Details neue Erkenntnisse zieht. Und er ist ein brillanter Stilist, der neben all dem Horror zärtliche Liebesszenen, wunderschöne Naturbeschreibungen und Momente menschlicher Versöhnung zu gestalten vermag.

Wer ihn nach dem Wahrheitsgehalt dieser ungeheuerlichen Geschichte fragt, dem antwortet er:

„Wir Romanciers haben gegenüber den Historikern den großen Vorteil, dass wir erfinden können, was wir nicht wissen. Vor dem Hintergrund der Geschichte, deren wesentliche Elemente ich respektiert habe, habe ich vieles verändert: historische Figuren unkenntlich gemacht, andere Gestalten hinzu erfunden, Bezüge hergestellt oder Charaktere vertieft und dem vorgegebenen Rahmen angepasst. Deshalb reflektiert dieser Roman nur zu einem gewissen Grad die guatemaltekische Wirklichkeit.“

Mit Harte Jahre erweitert der letzte noch lebende der großen Autoren der Boom-Generation der lateinamerikanischen Literatur der 1960er und 1970er Jahre die Reihe seiner Meisterwerke. Er hat damit einen Präsidenten rehabilitiert, der als einer der ersten des Kontinents mit Sozialreformen das Elend seines Landes zu beseitigen versuchte. Und er hat zugleich einen durchaus aktuellen Beitrag zur Manipulation der öffentlichen Meinung durch Fake-News geleistet. Denn in Brasilien ist Präsident Bolsonaro gerade dabei, mit dem Gespenst des Kommunismus seine rechtsextremen Wertvorstellungen durchzusetzen.

*Eine Rezension von Peter B. Schumann. Publiziert im SWR – Lesenswert Magazin – März 2020. Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Foto: via Wikimedia Commons

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Klaus Zimmermann sagt:

    Vielen Dank für die aufschlussreiche Rezension und damit den Hinweis auf das Buch. Die historischen Fakten des Umsturzes und die Rolle der „demokratischen“ USA sind natürlich seit langem bekannt. Aber ich freue mich auf die romanhafte Ausgestaltung durch M. Vargas Llosa.
    Herzliche Grüße und Gesundheit wünscht
    Klaus Zimmermann

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  2. Gerhard Mertschenk sagt:

    Die Rezension lässt ein spannendes und enthüllendes Buch erwarten. Guatemala ist aber nicht der einzige „besonders tragische Fall“, der „weit über das Land hinausreichte und die Historie des Kontinents verändert hat“ und in dem die USA eine unrühmliche Rolle spielen. Neben den in der Rezension erwähnten Ländern Peru, Brasilien und der Domikanischen Republik könnten noch Kuba, Chile, Nicaragua, Grenada, Panama, El Salvador, Venezuela und weitere aufgeführt werden. Bei diesen USA-Interventionen wird immer „das Gespenst des Kommunismus“ an die Wand gemalt, als Rechtfertigung angeführt und eine Hetzkampagne gegen das jeweilige Land gestartet – und leider fallen immer wieder Leute darauf rein und glauben solchen US-Märchen, obwohl die behaupteten Rechtfertigungen sich im Nachhinein bisher immer als Lügen herausgestellt haben – man denke auch an den angeblichen Angriff im Golf von Tonking oder die Massenvernichtungswaffen im Irak. So seien dem Schriftsteller Mario Vargas Llosa noch viele Jahre gegönnt, die er zur romanhaften Aufarbeitung all dieser schändlichen Vorgänge zur Absicherung der Ausbeutung dieser Länder durch die USA nutzen könnte. Ich freue mich auf diese „Harte Jahre“.

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