Bolsonaros Kulturpolitik: Der Protest reißt nicht ab

Seit Präsident Bolsonaro in Brasilien herrscht, betreibt er eine radikale Umkehr in der Kulturpolitik des Landes, denn er hält sie für „kommunistisch unterwandert“. Deshalb hat er beispielsweise das Kulturministerium zu einem Sekretariat herabgestuft, die Leitung einer bekannten Schauspielerin übertragen und sie vergangene Woche wieder abgesetzt. Gegen diese Desavouierung der brasilianischen Kultur und ihre Folgen reißt der Protest nicht ab.

Von Peter B. Schumann*

„Wo ist nur Regina? Weiß jemand, wo Regina steckt? Hat sie wirklich niemand gesehen? Regina, warum verbirgst du dich?

So begannen Kulturschaffende auf einem Video in den sozialen Netzwerken zu fragen, als sie von Regina Duarte, der Leiterin des Kultursekretariats, nichts hörten, was ihre Notsituation in der galoppierenden Corona-Pandemie hätte lindern können. In einem Insert forderten sie am Schluss:

„Geld gegen die Not gibt es genug. Deshalb verlangen wir, von Regina Duarte zu erfahren, worauf sie eigentlich noch wartet, um uns und unseren Familien zu helfen.“

Doch die oberste Kulturfunktionärin konnte wenig ausrichten, denn ihr Präsidenten Bolsonaro hält Kultur und Kulturschaffende für suspekt, für „ein kommunistisches Komplott“ und hat deshalb von Anfang an zu einem „Kulturkampf gegen die linke Unterwanderung“ aufgerufen. Der Schriftsteller Bernardo Carvalho:

 „Bolsonaro will die Kultur zerstören: die Kultur als Ausdruck des intellektuellen Widerstands gegen sein Regime. Er will die Quellen eines freien Denkens beseitigen. Deshalb hat er Kulturstiftungen stranguliert, vielen Universitäten die Budgets gekürzt, vor allem Fakultäten, in denen man gewohnt ist, kritisch zu denken: die Soziologie, Politologie und Philosophie, die Wissenschaften ganz allgemein. Sie sollen lahmgelegt werden: jeder Ort, der zu einem Zentrum des Widerstands gegen den Faschismus werden könnte.“

Deshalb hat Präsident Bolsonaro zu Beginn seiner Regierungszeit Anfang 2019 das Kulturministerium zu einem Anhängsel des Tourismus-Ministeriums, einem Kultursekretariat, herabgestuft. Mit den Sekretären hatte er wenig Glück, obwohl sie alles Vertraute seiner Wahl waren. Roberto Alvim war beispielsweise über ein Goebbels-Zitat zu Fall gekommen, mit dem er seine Kulturpolitik definieren wollte. Ihm folgte im März als Vierte im Amt Regina Duarte, eine bekannte 73-jährige Darstellerin von Telenovelas.  Bolsonaro hatte sie wohl auserkoren, weil sie als eine bedingungslose Anhängerin galt, in jede Kamera strahlte und so das von ihren Vorgängern angeschlagene Image dieses Amtes vergessen lassen sollte.

Doch die Medienerprobte scheiterte in einem Interview mit der brasilianischen Ausgabe von CNN. Auf die Frage nach ihrer Haltung zur Militärdiktatur meinte sie, man solle doch nicht immer zurückblicken, sondern nach vorne schauen: „Vorwärts Brasilien, Pra Frente Brasil“. Und sie stimmte ein berühmtes Lied der Militärdiktatur an. Auf den Hinweis des Moderators, dass viele Menschen damals gefoltert worden seien, meinte sie, dass es auch unter Stalin und Hitler viele Tote gegeben habe.

Regina Duarte war danach noch nicht einmal mehr vom eigenen Regierungslager zu halten. Nun soll sie die Brasilianische Kinemathek leiten, das größte audiovisuelle Archiv des Landes. Sie kennt und schätzt es, hat sich jedoch um deren äußerst kritischen organisatorischen und finanziellen Zustand in den knapp drei Monaten ihrer Amtszeit nicht im geringsten gekümmert. Deshalb hat die Cinemateca Brasileira jetzt gegen die fortgesetzte staatliche Vernachlässigung öffentlich protestiert. Ihrer Erklärung haben sich zahlreiche Filmschaffende und internationale Filmarchive angeschlossen. Darin heißt es:

 „Sollte die staatliche Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft des audiovisuellen Erbes in Brasilien fortdauern, dann werden sich die Bilder unserer Vergangenheit in ein Zeichen unseres Versagens als Nation verwandeln.“

Regina Duarte ist eine eher bedauernswerte Vertreterin von Bolsonaros desaströser Kulturpolitik. Doch der Widerstand wächst weiter. Am Donnerstag haben sich erneut die Kulturschaffenden in einem Video zu Wort gemeldet. Sie fordern vom Parlament, endlich das vorliegende Notstandsgesetz der Kultur zu verabschieden.

 

 

*zuerst veröffentlicht in DLF-Kultur heute  am 24.5.2020

Foto: (Brasília – DF, 22/01/2020) Presidente da República Jair Bolsonaro durante encontro com Regina Duarte Foto: Carolina Antunes/PR/  / Wikimedia Commons

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