Prof Dr. Friedrich Welsch: ein Nachruf

von Nikolaus Werz (Universität Rostock, Mitglied des Förderkreises)

Am 28. Dezember 2023 starb auf der Insel Margarita Friedrich Welsch, er wurde 81 Jahre alt. Seit Ende der 1970er Jahre lebte er als Dolmetscher, Direktor des ILDIS-Institutes der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) sowie als Universitätsprofessor der Universidad Central und der Universidad Simón Bolívar in Venezuela.

Sein Interesse für die iberoamerikanische Welt ging nicht zuletzt auf sein Dolmetscherstudium in spanischer und englischer Sprache in Germersheim zurück, heute heißt die Einrichtung Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK). Als Politikwissenschaftler befasste er sich zunächst mit den britischen Europaideen und der Entwicklungspolitik. An der Universität Aachen war er Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Dr. Klaus Mehnert, damals ein vielgelesener Autor zu weltpolitischen Fragen und zum „Deutschen Standort“, so sein bekanntestes Werk. 1976 war Welsch Übersetzer von Willy Brandt bei der berühmten „Konferenz von Caracas“, die den Beginn verstärkter internationaler Aktivitäten der Sozialistischen Internationale in Lateinamerika und der Dritten Welt nach dem Zweiten Weltkrieg markierte. 1977/78 amtierte er als Direktor des Forschungsinstitutes ILDIS in der venezolanischen Hauptstadt, er arbeitete auch in der Folgezeit für die FES.

Hauptberuflich war er an der Universidad Simón Bolívar (USB) tätig, wo er in den folgenden Jahrzehnten weit über hundert Studierende bis zum Abschluss, einer maestria oder dem von ihm mit anderen aufgebauten Doktorandenstudium begleitete. Die Wirkung von Friedrich Welsch lässt sich nicht nur an seinen Publikationen, sondern der Lehrtätigkeit bzw. seinen sozialen Kontakten und bei der Netzwirkbildung ermessen. Er war ein Mann des Wortes und der in der spanischsprachigen Welt so wichtigen tertulias, d.h. den Gesprächskreisen. In dem gastfreundlichen Haus/Apartment, das er und seine vor einigen Jahren ebenfalls in Margarita verstorbene Frau Barbara in Caracas führten, waren nicht nur fast alle deutschen Politiker und Journalisten zu Gast, die in Venezuela auftauchten, sondern eine wachsende Zahl von venezolanischen Studenten und Nachwuchswissenschaftlern, die er unterstützte. Manche wohnten monatelang bei ihnen. Später wurde er für seine Verdienste zugunsten der deutsch-venezolanischen Beziehungen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Besonders in seiner Zeit an der USB hat er viele Doktoranden betreut. Er wurde auch zu dem Ansprech- und Kooperationspartner ausländischer Wissenschaftler, die seit dem Wahlsieg Ende 1998 und dem Regierungsbeginn 1999 von Hugo Chávez Frias verstärkt nach Venezuela reisten. Dass er in drei Sprachen zuhause war, kam ihm dabei zugute und sein ausgeprägtes Interesse für Menschen.

Hugo Chávez war schon vorher auf ihn aufmerksam geworden und besuchte Anfang der 1990er Jahre zwei seiner Hauptseminare im Doktorandenprogramm. Friedrich Welsch erzählte, dass Chávez zunächst mit Uniform und Pistole zu den Sitzungen erschien. Er habe ihn gebeten, die Feuerwaffe fortan nicht mitzubringen, woran sich der spätere Präsident gehalten habe. Seine beiden gut geschriebenen und belegten Hauptseminararbeiten konnte ich einsehen. Eine war über die „Parteitheorie von Rosa Luxemburg“, die andere handelte von dem „Planungskonzept von Jorge Giordani“, mithin Themen, die in der weiteren Entwicklung des Populisten eine Rolle spielen sollten. Giordani stieg später zum Minister auf, distanzierte sich aber nach dem Tod von Chávez und nach seinem Rücktritt aus der Regierung 2014 von Nicolás Maduro.

Was faszinierte die Studenten an Federico oder Fritz, wie er genannt wurde? Zum einen seine exzellenten Kenntnisse der Sozial- und Politikwissenschaft und deren Anwendung auf die regionalen Bedingungen, zum anderen aber seine Fähigkeit, Venezuela sowohl zu kritisieren als auch zu lieben. Diese ungewohnte Offenheit und gleichzeitig die intensive Unterstützung seiner Studierenden begründeten seine Popularität. Von den aus Deutschland kommenden Sozialwissenschaftlern in Venezuela dürfte Heinz R. Sonntag (1940-2015) bekannter gewesen sein, aber die Schülerzahl von Welsch war größer. Wer verlässlichen Rat und Tat suchte, war bei ihm gut aufgehoben.

Zeit seines Lebens war er Sozialdemokrat, ohne Berührungsängste mit anderen Parteien und Anschauungen. Seine Kenntnisse des sozialdemokratischen Liedgutes waren beeindruckend und in manchen Nächten ertönten die alten Lieder im tropischen Umfeld. Montags las er neben der venezolanischen Presse intensiv den „Spiegel“ und beeindruckte Besucher mit detaillierten Kenntnissen sowie genauen Nachfragen zur deutschen und internationalen Politik.

Nach seiner Pensionierung ließ er sich in Margarita nieder, wo die USB eine Niederlassung hat. Dort beteiligte er sich an einem Masterstudiengang zu „Tourismus und Wirtschaft“. Er publizierte weiter zu aktuellen Fragen der venezolanischen und internationalen Politik, u.a. auch zum  politischen Umgang mit der Corona-Pandemie in vergleichender Perspektive. Für den Bertelsmann Transformations Index (BTI) verfasste er regelmäßig den Artikel zu Venezuela. Im Unterschied zu nicht wenigen deutschen Kollegen besaß er von Anfang an ein nüchternes Bild von Chávez und dem Chavismus.

Ein Teil seiner Schüler kam im 21. Jahrhundert in die Bundesrepublik, einzelne promovierten am Institut für Politikwissenschaft der Universität Rostock. Sobald in Venezuela wieder demokratische Verhältnisse herrschen, werden wir noch mehr von ihnen hören. An seinen Enthusiasmus für die Wissenschaft, sein Interesse für das Politische sowie an seine persönliche Großzügigkeit und Gastfreundschaft erinnern sie sich schon jetzt in Dankbarkeit: Hasta siempre, Federico.

Auswahlbibliographie

Friedrich Welsch/Nikolaus Werz: Venezuela. Wahlen und Politik zum Ausgang der 80er Jahre, Freiburg 1990 (vergriffen).

Friedrich Welsch/Nikolaus Werz: Der Wahlsieg und der Regierungsbeginn von Hugo Chávez Frías in Venezuela, Rostocker Informationen zu Politik und Verwaltung Nr. 12, 1999 https://www.uni-rostock.de/storages/uni-rostock/Alle_WSF/IPV/Forschung/Graue_Reihe/grauereihe12.pdf .

Andreas Boeckh/Friedrich Welsch/Nikolaus Werz (Hrsg.): Venezuela heute. Politik, Wirtschaft, Kultur, Frankfurt a.M. 2011.

Bildquelle: Friedrich Ebert Stiftung

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