Der Wächter der Altstadt von Havanna

Zum Tod von Eusebio Leal

Am Freitagmorgen (31. Juli 2020)  ist im Alter von 77 Jahren der langjährige Stadthistoriker Havannas und wichtigste Initiator der Altstadtrestaurierung, Eusebio Leal, an einer (eigentlich überwunden geglaubten) Krebserkrankung gestorben. Das hatte zunächst die Granma gemeldet. Die Bedeutung, die Leal für die cubanische Kultur hatte, wird auch daraus deutlich, dass das cubanische Fernsehen eine Gedenksendung ausstrahlte und für Samstag Halbmast an offiziellen Gebäuden angeordnet wurde. (Eusebio_Leal_Spengler)_La_nación_cubana_ha_reconocido_a_Céspedes_como_el_IniciadorAuf der Homepage des Büros des Stadthistorikers ist das Foto einer kleinen Trauerfeier im Innenhof des Gebäudes zu sehen; eine offizielle Trauerfeier im Capitolio von Havanna, dessen Restaurierung zu den letzten Großprojekten unter Mitverantwortung Leals gehörte und erst im November abgeschlossen worden war, soll offenbar nach der Aufhebung der Corona-Restriktionen stattfinden.

Leal, geboren 1942, hatte Geschichtswissenschaften an der Universität Havanna studiert. 1967, bald nach dem Tod des ersten offiziellen Stadthistorikers, Emilio Roig de Leuchsenring (1889-1964), wurde er zu dessen Nachfolger ernannt und begann mit äußerst begrenzten Mitteln die ersten Renovierungsinitiativen im kolonialen Havanna. Einen zentraler Schritt vorwärts bedeutete die Aufnahme von La Habana Vieja in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes 1982, ein Jahr, nachdem Cuba die Welterbekonvention unterschrieben hatte. Der Titel wird an Orte und Stätten verliehen, die auf Grund ihrer „Einzigartigkeit, Authentizität und Unverletztheit“ weltweit hervorragen. (Heute sind auf der Liste sieben cubanische Stätten des Kulturerbes verzeichnet – zuletzt die Innenstädte von Cienfuegos 2005 und von Camagüey 2008 –, sowie zwei des Weltnaturerbes). Seither flossen auch ausländische Projektmittel in die Restaurierungsarbeiten.

1994 gelang es ihm, mit der Gründung der beim Büro des Stadthistorikers angesiedelten Firma Habaguanex eine Struktur zu schaffen, mit der Mittel aus dem wachsenden Tourismusgeschäft genutzt wurden, um die historische Bausubstanz der Altstadt zu renovieren, teilweise touristisch zu nutzen, aber auch für die Bewohner zu erhalten. Im Dezember 2014 wurde das Büro des Stadthistorikers direkt dem cubanischen Ministerrat unterstellt. Damit wurde nicht nur dessen politische, sondern auch die ökonomische Bedeutung unterstrichen. Für die Oficina und ihre Unterorganisationen arbeiten heute mehrere tausend Menschen; inzwischen sind es wohl um die 300 Gebäude, die unter der Aufsicht der Oficina vor dem drohenden Zerfall bewahrt werden konnten. Dafür, dass sich seine Initiativen durchsetzen ließen, war außer seiner freundlich-diplomatischen Art und seinen zahlreichen internationalen Kontakten sicher auch sein offizielles politisches Engagement hilfreich; er gehörte nicht nur dem cubanischen Parlament, sondern auch dem Zentralkomitee der KP an. Fotos noch aus den letzten Monaten zeigen ihn mit Prince Charles im März 2019 und mit der Generalsekretärin der UNESCO, Audrey Azoulay, im November 2019 bei der Besichtigung von Restaurierungsarbeiten in Havanna.

In Cuba war Eusebio Leal einer der bekanntesten öffentlichen Intellektuellen, hatte zeitweilig eine eigene Fernsehsendung, in der er über die cubanische Geschichte, Kultur und Architektur informierte, und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen. Der vierte Band von „Para no olvidar: testimonio gráfico de la restauración del centro histórico de la ciudad de La Habana“ erschien 2018. Neben zahlreichen staatlichen Orden und Auszeichnungen erhielt er 2018 auch den Hadrian-Preis des World Monument Fund – „für seine heroischen Leistungen bei der Erhaltung und Restaurierung von Havannas Altstadt“.

Den Bewohnern der Altstadt wird er als „Freund in der Guayabera“ in Erinnerung bleiben, der jeden Morgen im Hostal  Valencia seinen  frisch gepressten Orangensaft getrunken hat.

 

Fotos. Havanna ©Jeanette Erazo Heufelder; Eusebio Leal via Wikimedia Commons

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gerhard Mertschenk sagt:

    Es wäre nur zu ergänzen, dass Eusebio Leal gläubiger Katholik war, was ihn nicht daran hinderte, im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kubas sich politisch einzubringen. Ein hervorragendes Beispiel für die Vereinbarkeit von kommunistischer Überzeugung und christlichem Glauben. Ganz im Gegensatz zu Leuten, die das Christentum als einen der „westlichen“ Werte angeblich verteidigen und zugleich alles daran gesetzt haben /setzen, Eusebio Leals Arbeit u.a. durch die gegen Kuba verhängten Sanktionen zu erschweren und sich dabei selber noch als Demokraten zu feiern. Eine Ehrung für Eusebio Leal schließt eine Aufhebung bzw. Nichtbefolgung der Sanktionen ein, alles andere wäre Heuchelei.

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