Schüler, Lehrer und Wissenschaftler aus Deutschland und Argentinien auf der Spur vergessener Emigranten am Río de la Plata

am

Der Lehrer Fedor Pellmann hat uns auf ein interessantes Forschungsprojekt aufmerksam gemacht, das sich mit der Erinnerung an nach Argentinien und Uruguay Geflüchtete der 1930er Jahre auseinandersetzt. Wir möchten hiermit den Mitgliedern und Unterstützer_innen unseres Förderkreises einen Einblick in die Arbeit dieses gerade in gegenwärtigen Zeiten wichtigen Projektes anbieten:

Seit zwei Jahren gibt es an unserer Beruflichen Oberschule Fürstenfeldbruck ein besonderes Seminarfach unter meiner Leitung Schüler, Lehrer und Wissenschaftler aus Deutschland, Argentinien und Nordamerika arbeiten gemeinsam daran, das Leben und Wirken bisher wenig erforschter Emigranten in Argentinien und Uruguay zu erhellen. Schüler lernen auf diese Weise echtes empirisches Forschen und erfahren sich selbst im Umgang mit Spezialisten neu. Im Mittelpunkt stehen ca. 20 bis 30 Auswanderer, meist jüdischen Glaubens, die i. d. R. durch die Ereignisse ab 1933 zwar im „deutschen Kosmos“ (von zur Mühlen) des Exils oder Emigration am La Plata als Protagonisten auftauchen, über die aber noch kaum jemand etwas zusammengetragen hat. Gemeint sind hier Personen wie z. B. Martin Fenske, Günther Ballin, August Siemsen, Peter Bussemeyer, Franziska Lachmann, Jeanne Bachmann, Alfredo Bauer, Johann Luzian, Alfredo Cahn, Fred Heller, Friedrich Robert Franke u. a.

Das Exil am Río de la Plata seit 1933 bzw. die Emigration an den Río de la Plata liefert der Erforschung eine besonders reiche Landschaft. In ihrer Fülle und Komplexität ist es ein bemerkenswertes Netzwerk. Etliches davon ist erforscht, vieles aber noch nicht. Bisher sind die Institutionen, die damit verbunden waren, durchleuchtet worden: die Pestalozzi Schule, das Argentinische Tageblatt, die Jüdische Wochenschau, der sozialistische Vorwärts. Nur vereinzelt jedoch findet man eingehende Arbeiten zu den Emigranten. Hier stechen vor allem Künstler oder Exilanten heraus, die eine gewisse Nachwirkung bzw. Repräsentanz aufweisen: Paul Zech, Clemens Moreau, Heinrich Grönewald. In all diesen Arbeiten und den Standardwerken zum Exil dort tauchen aber auch Menschen auf, deren Schicksal ebenso bewegend ist. Auch sie haben viel für das sog. Andere Deutschland getan, das mit dem Grundgesetz seinen Anfang nahm. Die meisten unter diesen Emigranten sind im Umkreis des Tageblatts und der Pestalozzi Schule bzw. der Freien Deutschen Bühne, einem erfolgreichen Exiltheater von Paul Walther Jacob, anzusiedeln. Es finden sich dabei auch Hinweise auf eine mehrfache Zuordnung, also z. B. zum sozialistischen Vorwärts, dem Hilfsverein deutschsprechender Juden und anderen Schulen, wie der Fall Max Tepp zeigt. Mit den Jahren jedoch verlieren sich die Spuren, vor allem nach 1945. Das Aufbauwerk dieser Menschen aber bleibt. Viel zu wenig wissen wir also von den Einzelschicksalen. Sie haben es verdient, erinnert zu werden, v. a. weil Informationen, die jetzt nicht gefunden oder erhoben werden, für immer verschwinden. Die letzten Privatarchive werden geleert, die Zeitzeugen sterben.

Diesen Menschen setzen die Arbeiten des Projekts ein Erinnerungszeichen. Die Schüler werden vom Seminarfachleiter anhand eines Seminarapparats, Gliederungen und v. a. durch Kontakte mit Fachleuten aus aller Welte und von vor Ort unterstützt und zum Ziel geführt. Die wenigen wissenschaftlichen Angaben müssen durch eigene Forschungen mit Helfern ergänzt werden. Zu den Förderern zählen beispielsweise Irene Münster aus Maryland, Robert Kelz aus Memphis, Claudia Garnica aus Mendoza, Argentinien, Jorge Bauer, Buenos Aires, Alfredo Schwarcz, Buenos Aires, Ricardo Hirsch, Buenos Aires, Michael Brenner, München u. v. m. (ca. 30) Daneben unterstützten das Centro DIHA, das Zentrum für deutsche Einwanderung in Buenos Aires, und das Exilarchiv in Frankfurt (Jörn Hasenclever) u. a. die Arbeit. Hervorzuheben ist die Zusammenarbeit zwischen argentinischen Schulen und dem Seminar. Letztes Jahr beteiligte sich eine Klasse der Pestalozzi Schule, Buenos Aires, dieses Jahr Lehrer der Cangallo Schule und Moreno Schule, beide Buenos Aires (Alejandro Asciutto, Valeria Lencinas). Letztlich entstand so auch eine eigene Forschung der begleitenden Lehrer: „Martin Fenske – un antifascista en los años 30“.[1]

Das Projekt wird fortgesetzt. Gerade im Jubiläumsjahr 2025, wo 200 Jahre deutscher Einwanderung nach Argentinien begangen werden, mag das kooperative auf mehrere Institutionen und Beteiligte verteilte Vorhaben ein Beispiel für weitere Projekte sein.


[1] Die Arbeit wurde im ‚Argentinischen Tageblatt“ vom 25.01.2025 besprochen und kann dort eingesehen (Download) werden: https://tageblatt.com.ar/martin-fenske-80-anos-liberacion-auschwitz/; Zugriff: 05.02.2025)

Bild: Privat/Fedor Pellmann

Ein Kommentar auch kommentieren

  1. Avatar von 1134sdf567 1134sdf567 sagt:

    likable! 6 2025 Schüler, Lehrer und Wissenschaftler aus Deutschland und Argentinien auf der Spur vergessener Emigranten am Río de la Plata fantastic

Kommentar verfassen