Autor: Peter B. Schumann
Vor zwei Jahren erlebte Cuba einen sozialen Aufstand ohne gleichen in der mehr als 60-jährigen Revolution: in vielen Teilen des Landes wehrte sich die Bevölkerung gegen die unhaltbaren Verhältnisse. Die Proteste wurden brutal niedergeschlagen. Noch immer sind mehr als tausend der damals Protestierenden im Gefängnis, unter ihnen eine ganze Reihe Kulturschaffenden. Seither wurde die Repression gegen regime-kritische Kultur noch verschärft. Doch die Kulturschaffende wehren sich mehr denn je. Einige exemplarische Fälle.
„Der Wunsch nach Freiheit dauert trotz aller Repression an. Wir sind nicht die ersten und werden nicht die letzten Opfer sein, aber wir sind auf dem richtigen Weg. Die Freiheit wir unser sein!“
Das konnte Juan Manuel Otero Alcántara bei einem der seltenen Telefonate mit Familienangehörigen sagen, die es mitgeschnitten haben. Er ist einer der bekanntesten kubanischen Künstler und Performer und hat zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten, unter anderem den holländischen Prinz-Claus-Preis. Bei dem sozialen Aufstand am 11. Juli 2021 wurde auch er verhaftet und zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt wegen „Verletzung der nationalen Sicherheit und Verunglimpfung nationaler Symbole“. Nach Freiheit hatte er vor Jahren gerufen, in die Nationalflagge gehüllt, vor dem Capitolio, dem einstigen Parlament.
Kurz nach dem Telefonat mit den Angehörigen trat Juan Manuel Otero Alcántara in verschärften Hungerstreik, d.h. er verzichtet auf Nahrung und auf Wasser. Er protestiert damit nicht nur gegen seine unmenschlichen Haftbedingungen, sondern auch gegen die Repression, der die Kulturschaffenden ständig ausgesetzt sind.
„Du unterdrückst die Möglichkeit zu filmen, was unsere Aufgabe ist.“ Es ging hoch her auf der letzten Versammlung der Cineasten mit der Direktion des staatlichen Filminstituts ICAIC Anfang Juli, denn die Filmleute wollten über diverse Zensurakte diskutieren, und die Vertreter des ICAIC hatten ein Verbot jeglicher Aufzeichnung zur Bedingung für ihre Teilnahme gemacht. Doch der durch regimekritische Filme bekannte Regisseur Miguel Coyula nahm das Risiko auf sich und stellte anschließend die heimliche Handyaufnahme ins Netz. Als Ranküne verbot das ICAIC jegliche Aufführung der von ihm restaurierten, in Cuba sehr populären, alten Animationsfilme.
Andere staatliche Institutionen wie das Fernsehen finden ganz andere Formen der Zensur, zeigen z.B. eine manipulierte und um kritische Aspekte gekürzte Fassung des Dokumentarfilms von Juan Pin Vilar Das Havanna von Fito. Darin geht es um den Besuch von Fito Paez, einem der berühmtesten Rocksänger Argentiniens, in Havanna und seine negative Meinung über einige Mythen der Kubanischen Revolution.
Nachdem der Regisseur gegen diesen Akt der Verstümmelung seines Werkes öffentlich protestiert hatte, wurde er in den sozialen Medien vielfach diffamiert wie z.B. von Abel Prieto, einem ehemaligen Schriftsteller und Kulturminister. „Das ist eine unverantwortliche Verdrehung der großen Geschichte unserer Revolution und ihrer Führer von einem mediokren Regisseur. Dieser Film ist konterrevolutionär.“
Gegen den gravierenden Akt der Zensur richtete sich eine öffentliche Erklärung des Gremiums der Cineasten, die mehr als 600 Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Bereichen der kubanischen Kultur unterzeichneten. „Dieses systematische Vorgehen gegen den Film von Vertretern der offiziellen Kulturinstanzen hat mehrfach die ethischen Prinzipien verletzt, die die Grundlage jeglichen respektvollen und konstruktiven Dialogs miteinander sind. Wir weisen diese Art von Lynchjustiz gegen Filmemacher zurück.“
Selbst Humoristen, die in ihren Texten jahrzehntelang erfolgreich auf Defizite der kubanischen Gesellschaft hatten aufmerksam machen dürfen, werden neuerdings kaltgestellt, weil sie sich eine spitze Wendung zu weit gewagt haben wie Jorge Fernández Era, ein Meister seines Faches. Er wurde auf drastische Weise aus dem Verkehr gezogen, weil er den Autoritäten wohl zu lange auf die Nerven gegangen war.
„Der Schriftsteller wurden aus allen Medien ausgeschlossen, ihm wurde verboten ins Ausland zu reisen, und außerdem wurde er mit einem Jahr Hausarrest belegt. Wir fordern die sofortige Beendigung der Verfolgung unseres Kollegen, der lediglich seine Pflicht als Humorist erfüllt und seine Rechte als Staatsbürger wahrgenommen hat.“ – heißt es in einem Protestschreiben von mehr als hundert Personen aus dem Kulturbetrieb.
Seit dem 11. Juli 2021 wird es nicht nur für die Kulturschaffenden in Cuba immer schwieriger, ihre in der Verfassung verbrieften Rechte wahrzunehmen.
Quelle: Deutschlandfunk Kultur heute, 16.7.23
Bildquelle: Luis Manuel Otero Alcántara/EFE
