Starke Gefühle, dramatische Situationen

von Thomas Bremer

Vor fünf Jahren, im Herbst 2017, konnte das Ibero die „Sammlung Fernando Eguidazu“ erwerben – mit etwa 50.000 Stücken die größte zusammenhängende Sammlung an spanischer Populärliteratur wohl nicht nur in Europa. Populärliteratur, das heißt hier vor allem Heftchen. Historisch sind das vor allem Romane (gelegentlich auch kürzere Prosaformen), die häufig in Fortsetzungen vertrieben wurden. Man erwarb zu einem geringen Preis in festgelegten Abständen – zum Beispiel jede Woche – ein Heftchen, etwa mit einem Kapitel des Textes. Das erlaubte die Anschaffung von Lesestoff auch für Personen mit wenig Geld, zum Beispiel Dienstmädchen, aber auch für manchen bürgerlichen Haushalt in Madrid und der spanischen Provinz. Wenn man das Geld dafür hatte, konnte man nach Abschluss des Abonnements die gesammelten Folgen binden lassen – gerne in einen repräsentativen Ledereinband, der dann auch im Wohn- oder Esszimmer der Wohnung „etwas hermachte“.

Populärliteratur, das bedeutet aber auch: klare Figurenzeichnung, starke Männer, gefühlvolle Frauen; starke Emotionen: Liebe, Verrat, Enttäuschung; aber auch die klassischen Untergattungen: Detektivromane, Spionageromane, Science fiction. Von ihnen allen hat Eguidazu in seiner Sammlung ein umfassendes Panorama der Produktion in Spanien, aber auch darüber hinaus – vor allem in Argentinien – aus der Zeit von etwa 1880 bis 1980 mit dem Schwerpunkt im frühen 20. Jahrhundert bis 1960 gesammelt. In der Bibliothek des Ibero werden sie für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt, eine erste Publikation dazu ist mit Hilfe des Fördervereins 2021 erschienen: „Una excursión al colorido mundo de la novela popular española“.

Nunmehr werden ausgewählte Exemplare in Vitrinen im Lesesaal des IAI ausgestellt, der nach zwei Jahren Blockade durch Arbeitstische wegen der coronabedingten Abstandsregelungen wieder frei geräumt werden konnte. Große, auf Metallplatten gedruckte und an der Decke aufgehängte Vielfarbdrucke zeigen typische Abbildungen, meist von den Titelblättern, die ja auch zum Kaufen und Abonnieren bewegen sollten – eben verwegene Männer, schwache und starke Frauen, dramatische Situationen, erkennbare Bösewichter – jedenfalls klare Charaktere in bunten Farben.

Die Ausstellung ist noch den ganzen November über und bis Mitte Dezember im Lesesaal des IAI zu den normalen Öffnungszeiten sehen.

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