Vandalen zerstören Kunstwerke in Brasilia

Autor: Peter B. Schumann

Am vergangenen Sonntag erstürmten Tausende von Anhängern des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro den ‚Platz der drei Gewalten‘ in Brasilia, das Zentrum der brasilianischen Demokratie. Sie zerbrachen Fensterscheiben, zerstörten Mobiliar und hinterließen in vielen Räumen ein Trümmerfeld. Die Meute machte auch nicht vor den zahlreichen Kunstwerken halt, die sich überall befanden. Peter B. Schumann fasst das Ausmaß dieses kulturellen Schadens zusammen.

Sie rissen kostbare Wandteppiche aus den Verankerungen, pinkelten auf einen Gobelin des auch hier bekannten Landschaftsarchitekten und Malers Roberto Burle Marx, beschmierten Skulpturen mit Teer, zerschlugen Urnen mit der Asche brasilianischer Berühmtheiten und zerstörten u.a. ein Gemälde, das die Unterzeichnung der Verfassung von 1890 zeigte. Darstellungen von Heiligen aus dem 18. Jahrhundert fanden sich neben Müllcontainern wieder, viele kleinere Objekte wurden gestohlen. Der Frühstücksraum im Präsidentenpalast wurde durch Feuer völlig ruiniert. Mehr als ein Dutzend Kunstwerke von Vertretern des Modernismo, der Zeit von Brasiliens kulturellem Aufbruch in die Moderne der 1920er/1930er Jahre, wurde beschädigt, wie z.B. Die Mulatinnen, ein emblematisches Werk von Di Cavalcanti mit einem Schätzwert von 1,5 Millionen Euro: es wurde mit sechs Messerstichen traktiert.


Die neue Kulturministerin Margareth Menezes berichtete in TV Brasil über die mögliche Instandsetzung: „Es sieht so aus, als ob dieses einzigartige Werk von Di Cavalcanti wie auch viele andere restauriert werden können. Noch stehen wir ganz am Anfang der Erfassung aller Schäden. / Aber für die umfangreiche Restaurierung haben uns Vertreter der UNESCO und anderer internationaler Institutionen Hilfe angeboten.“


Präsident Lula da Silva hatte bereits am Tag der Erstürmung des Regierungsviertels im staatlichen Fernsehen ein Dekret unterzeichnet, in dem er der Bundesregierung die Kontrolle über den nicht vertrauenswürdigen Sicherheitsapparat der Hauptstadt überantwortete. Dabei sagte er zur Dimenson des Unheils: „Die Personen, die in diese Vandalenakte verwickelt sind, diese fanatischen Nazis, fanatischen Faschisten haben etwas gemacht, was es noch nie in der Geschichte des Landes gegeben hat …: noch nie sind solche Kräfte ins Parlament, in den Obersten Gerichtshof und in den Präsidentenpalast eingedrungen.“


Die rein materiellen Schäden umfassen bereits viele Millionen Euro. Bei den lädierten oder zerstörten Kunstwerken handelt es sich jedoch nicht um leicht ersetzbare Bilder oder Objekte, sondern um das kulturelle Erbe, ein Stück brasilianischer Kunstgeschichte von der Kolonialzeit bis zum Modernismo, also von höchstem materiellem und historischem Wert. Nach einem ersten Rundgang durch den besonders stark verwüsteten Präsidentenpalast kündigte Kulturministerin Menezes in TV Brasil den Aufbau eines sog. Memorial an.


„Wir wollen eine Gedenkstätte schaffen, in der diese Gewaltakte, die wir erlitten haben, dokumentiert werden, damit so etwas nie wieder passiert. Denn hier geht es um Kunstschätze des brasilianischen Volkes, um nationales Eigentum. Den Gewalttätern fehlte jeder Respekt gegenüber den Institutionen des Staates und der Kultur, und gegen eine solche Haltung richtet sich dieses Memorial.“


Die Verachtung der Kultur durch Brasiliens extreme Rechte hatte mit der Abschaffung des Kulturministeriums durch Expräsident Bolsonaro einen Höhepunkt erreicht. Seine Regierungspolitik galt bevorzugt dem „Kampf gegen die ideologische Unterwanderung durch die linke Kultur“, der als eine Art Trommelfeuer vor allem in den sozialen Medien stattfand. Die kulturellen Gewaltakte dürften nicht zuletzt dort ihren Nährboden gefunden haben.


Doch sie wurden von außen gesteuert, wie Rogério Carvalho, Senator der Regierungspartei PT, im Fernsehen des Senats feststellte. „Ich hoffe, dass es uns bald gelingt, die Finanziers und ideellen Drahtzieher dieser Terrorakte zu identifizieren. / Die Zerstörung von Teilen unserer Geschichte wurde von Personen initiiert, die aus der Distanz die Strukturen aufgebaut und ihren Exekutoren vor Ort die Anweisungen gegeben haben. Diese Leute müssen ausfindig gemacht und nach dem Zivil- und Strafrecht verurteilt werden.“


Quelle: Deutschlandfunk, Kultur heute, 15.1.23

Bildquelle: Carl de Souza (AFP/Getty Images)

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