100 Jahre Semana de Arte Moderna: Die Feierlichkeiten in Brasilien und eine Veranstaltungsreihe des Förderkreises

Von Peter B. Schumann

„Das Hauptereignis der brasilianischen Kultur fand in São Paulo statt: die Woche der modernen Kunst. Sie markierte den Beginn der Bewegung des Modernismus, die unsere Kultur und das ganze Land revolutionierte.“ Das geschah 1922 und wird heute – wie in diesem offiziellen Trailer – als ein kulturelles Jahrhundertereignis gefeiert. Die Woche war damals eigentlich eine sehr begrenzte Veranstaltung von ein paar Dutzend Künstlerinnen und Künstlern, Schriftstellern und Musikern. Und sie war als Bruch mit dem herrschenden Kulturkonservatismus bei Publikum und Medien sehr umstritten. Doch ihre Auswirkungen waren enorm.

„Obwohl sich in dieser Semana eine Gruppe von sehr unterschiedlichen Intellektuellen zusammenfand, einte sie ein Ziel: die Erneuerung und Demokratisierung der Kultur. Sie war wirklich ein Signal der Resistenz und der kulturellen Freiheit in einer für Intellektuelle sehr bornierten Atmosphäre.“ So Flavio Wolf de Aguiar, Schriftsteller und Professor für brasilianische Literatur.

Die zahllosen Feierlichkeiten, die von São Paulo, der Wirtschafts- und Kulturmetropole, ausgehen und im ganzen Land bis Ende des Jahres andauern werden, wollen jedoch nicht nur den Aufbruch der brasilianischen Kultur in die Moderne würdigen. Auch sie sind für Flavio Wolf de Aguiar ein Akt des Widerstands: „Heute erlebt die brasilianische Kultur wieder eine sehr schwierige Zeit, seit dieser fanatische Präsident Jair Bolsonaro an der Regierung ist. Deshalb hat jede Art von progressiver, engagierter Kultur Protestcharakter, ist Ausdruck der Auflehnung gegen diese Anti-Kulturpolitik.“

Der ultrarechte Präsident hat bereits bei Amtsantritt 2018 „der linken Kultur den Kampf“ angesagt und seither versucht, alle mühsam erstrittenen Werte von gesellschaftlicher und kultureller Diversität zu unterdrücken und ein extrem konservatives Weltbild zu verbreiten. Dagegen richten sich die landesweiten Aktivitäten, ganz im Sinn der Semana de Arte Moderna vom Februar 1922.

Die Grupo dos Cinco, enflussreiche Schriftsteller und Maler, deren Wirken für die Durchführung der Semana entscheidend war.

Der Aufbruch von vor hundert Jahren dient heute dazu, an die ursprünglichen Werte der Modernisierung zu erinnern. Sie wurden damals von Mario de Andrade, dem Wortführer der Bewegung, formuliert. Er wollte ein Bewusstsein für eine brasilianische Kultur entwickeln. „Das heißt: eine Verbindung zu den autochthonen Ursprüngen Brasiliens herstellen, den afro-brasilianischen Wurzeln und vor allem den kulturellen Wurzeln unserer indigenen Völker. Sie wurden bis dahin verachtet, und die Bewegung entdeckte nun ihre Werte für die moderne Kultur, die sich vom herrschenden Kulturkanon befreite.“

Als Brasilidade, als eigenständige Kultur Brasiliens, wird sie seither weltweit geschätzt und in dieser einzigartigen Manifestation verbreitet. Allein das Kultursekretariat von São Paulo hat 100 Veranstaltungen angekündigt: Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen, Lesungen, Debatten, um die Auswirkungen der Semana auf die weitere kulturelle Entwicklung bis heute zu demonstrieren. Während in Rio de Janeiro das Nationalmuseum wegen der Vernachlässigung durch die rechte Stadtverwaltung in Flammen aufging, wird in São Paulo das Museum Mário de Andrade aufwendig restauriert. Andere Museen, Kunstinstitute und Galerien im ganzen Land beteiligen sich mit programmatischen Ausstellungen unter dem Motto „Brasilidade und Postmoderne“.

„Der zentrale Gedanke all dieser Manifestationen ist die Dezentralisierung der Feierlichkeiten“ – so Flavio Wolf de Aguiar. „Die Regierung von São Paulo will die Ereignisse deshalb bis in den letzten Winkel des riesigen Gebiets verbreiten durch Wanderausstellungen und Konzertreisen zum Beispiel. Und natürlich digital im Internet. Und schließlich ist eine Tournee von Musikgruppen durch Lateinamerika geplant, um an die Woche der modernen brasilianischen Kunst zu erinnern.“

Der FÖRDERKREIS DES IAI würdigt dieses Jahrhundertereignis mit einer eigenen Veranstaltungsreihe, die am 26. April beginnt. Das Programm finden Sie hier.

Foto via Wikimedia Commons

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