Buenos Aires – ein neues Kapitel

Peter B. Schumanns publizistische Reisen durch Lateinamerika | Teil II

Die Redaktion des SWR hatte Peter B. Schumann gebeten, doch mal ein Resumée seiner Reisen durch Lateinamerika zu ziehen. Ein halbes Jahrhundert in einer Stunde Sendezeit. Wir stellen davon Auszüge vor. Nach Rio de Janeiro folgt hier nun Teil II: Buenos Aires.

Nach der Bossa Nova nun der Tango, nach dem ach so „wunderbaren“ Rio de Janeiro eine Stadt, die mir bekannt vorkam, so wie Rom oder Madrid. Ich stieß hier bei meinem ersten Aufenthalt im Oktober 1969 auf nichts irritierend Befremdliches, sondern auf eine Art europäische Großstadt.

Auch das Neue argentinische Kino bot mir zunächst keine Orientierung. Seinetwegen war ich unterwegs, diesmal für das ZDF, das mich auf eine filmische Erkundungstour durch ganz Lateinamerika geschickt hatte. Erst später merkte ich, dass der brasilianische Tropicalismo den Blick dieses unerfahrenen Reisenden etwas getrübt hatte. Mit seinen starken afrikanischen und indigenen Wurzeln hatte er mich als das völlig Andere fasziniert. In Argentinien galt es dagegen, das anscheinend Vertraute als das Neue zu begreifen.

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„Wir stammen von den Schiffen“

Dieses geflügelte Wort beschreibt  den Ursprung dieses Landes, den der Philosoph Tomás Abraham mir so erklärt hat:

Was in Argentinien zwischen etwa 1870 und 1914/15 stattgefunden hat, dafür gibt es nichts Vergleichbares auf der Welt. Die Einwanderungswellen aus Europa lassen sich nicht mit denen in die USA oder Kanada oder Australien vergleichen. Argentinien [war ein riesiges, spärlich besiedeltes Wüstenland], das in relativ kurzer Zeit seine Bevölkerungszahl verdoppelt und seine Sprache, seine Gastronomie und seine Kultur, wirklich alles verändert hat. Kein anderes Land hat die Türen so weit geöffnet. Danach war eine große Anstrengung nötig, um es politisch zu organisieren und eine Identität auszubilden.

Dazu hat der Tango als eine ureigene argentinische Ausdrucksform wesentlich beigetragen. Er wurde in den Kneipen der Einwandererviertel als eine Mixtur europäischer und karibischer Rhythmen erfunden, aus Deutschland kam das Bandoneon hinzu. Die UNESCO erklärte 2009 den Tango zum „immateriellen Kulturerbe der Menschheit“.

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Politisch und gesellschaftlich verändert hat Argentinien eine Massenbewegung: der Peronismus. Ich hielt ihn zuerst für eine sozialere Form von Faschismus. Dann lieferte mir  wieder ein Film eine ganz andere Sicht: La Hora de los Hornos / Die Stunde der Feuer von Fernando Solanas. 

In Die Stunde der Feuer stellte Fernando Solanas 1968 das damals einzigartige Sozialprogramm des Peronismus als ein politisches Leitbild für den gesamten Kontinent dar. Als Auftakt seines dreiteiligen Werks unternahm er die erste groß angelegte filmische Analyse des Kontinents. Sie diente seinem Aufruf zur Revolution in Lateinamerika, dem eigentlichen Ziel des Films. Diese Stunde der Feuer wirkte nicht nur auf mich wie ein revolutionäres Fanal. Sie traf den Nerv der jungen Generation in der westlichen Welt, die Ende der 1960er Jahre bereit war, für gesellschaftspolitische Veränderungen zu kämpfen.

In einem Feature, das ich 2018 über ihn gemacht habe, fasste Solanas  das peronistische Programm kurz zusammen.

Nach der Mexikanischen Revolution hat der Peronismus die nächste soziale Revolution in Lateinamerika durchgeführt. Es war die erste wirkliche Revolution von großer sozialer Tragweite in Argentinien. Durch sie wurde der erste Vertrag über Arbeiterrechte formuliert, überhaupt die Sozialgesetzgebung geschaffen: z.B. der 8- Stunden-Tag und der Samstag als halber Arbeitstag. Und das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Und die Industrialisierung vorangetrieben: den Flugzeugbau entwickelt, eine Handelsflotte aufgebaut, die sechst-größte der Welt. In drei, vier Jahren fand ein außergewöhnlicher Transformationsprozess statt.

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Dem Peronismus begegnete ich zum ersten Mal 1973 und zwar gleich in seiner widersprüchlichsten Form. Peron war aus dem spanischen Exil zurückgekehrt und erneut zum Präsidenten gewählt worden. In Buenos Aires herrschte Aufbruchstimmung. Ich erlebte sie als eine kurze Blüte der argentinischen Kultur, vor allem des peronistischen Films, aber gleichzeitig auch als den beginnenden Niedergang des Peronismus. In einer Fernsehreportage stellte ich im April 1974 fest:

Nachdem Peron wieder an der Regierung ist, sehen sich die peronistischen Filmemacher von offizieller Seite in die Opposition gedrängt. Denn über Peron war die alte Reaktion wieder an die Macht gelangt… Auch Fernando Solanas, der sich mit seinen Filmen so energisch an die Seite Perons stellte, dürfte es mit seiner neuen Arbeit schwer haben.

Ich sah, wie mit der Rückkehr Perons die tiefen Gräben zwischen dem linken und dem rechten Flügel der Bewegung aufrissen. Der General unterstützte die Rechten und duldete es, dass deren paramilitärischer Arm die Linken zu eliminieren begann. Hunderte von ihnen wurden als „Verräter an der großen Idee“ von Todeskommandos umgebracht. Gegen das sich ausbreitende Chaos im Land putschten am 24. März 1976 die Militärs.

Sieben Jahre dauerte ihre Diktatur und stürzte Argentinien in die finsterste Zeit seiner Geschichte. 30.000 Menschen wurden in dieser Zeit ermordet oder verschwanden gewaltsam. 

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Nach dem Ende der Diktatur wurde 1983 mit Raúl Alfonsín ein überzeugter Demokrat der bürgerlichen Mitte Präsident. Es gelang ihm jedoch nicht, die Hyperinflation und eine schwere Wirtschaftskrise zu bewältigen. Als Retter trat Carlos Menem auf den Plan: ein rechtsperonistischer Provinzcaudillo. Er versuchte mit einem scharfen neoliberalen Kurs die Misere zu bewältigen.

„Er ist der Kopf einer Verbrecherbande, die unser Land verscheuert!“

– prangerte ihn Fernando Solanas 1992 an. Er hatte sich zu einem seiner schärfsten Gegner entwickelt. Menem verklagte ihn. Einen Tag nach der Gerichtsverhandlung wurde der Linksperonist von einem Killerkommando angeschossen. Im Krankenhaus konnte ich den Schwerverletzten telefonisch interviewen.

Ich werde meinen Mund nicht halten und nicht zu Kreuze kriechen. Seit der Diktatur bis heute operieren gewisse Wirtschaftskreise wie eine Mafia, die erst Alfonsín gestürzt haben und jetzt Partner Menems sind. Jeder von ihnen hat sich bereits ein veritables Stück des Staatsapparats unter den Nagel gerissen.

Fernando Solanas schloss sich nach dem Attentat einer neuen linken Partei an und bekämpfte Menem nun an zwei Fronten: als Filmemacher und als Parlamentsabgeordneter – eine in Lateinamerika einzigartige Verbindung.

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Das Land stand im Dezember 2001 vor dem Staatsbankrott. Etwa die Hälfte der Bevölkerung war ohne feste Arbeit. Niemand kam mehr an sein Erspartes, die Bankkonten waren gesperrt worden. Die Menschen hielten sich mit Tauschhandel über Wasser. Ich bin im Herbst 2002 nach Buenos Aires gereist, weil ich diese für das Land außergewöhnliche Notlage und die Widerstandskraft der Bevölkerung in einem Radio-Feature dokumentieren wollte. Besonders interessierten mich die vielen von Arbeitern besetzten Fabriken, denn es war etwas für mich Unvorstellbares geschehen. Als der wirtschaftliche Niedergang nicht mehr aufzuhalten war und zahlreiche Unternehmen kurz vor der Pleite standen, ließen deren Besitzer ihre Betriebe und die Belegschaft einfach im Stich.

Das geschah z.B. in der Fábrica Brukman. In guten Zeiten hatten hier 300 Angestellte, meist Frauen, Kleidung genäht. Zuletzt waren es noch 60. Als sie keinen Lohn mehr erhielten, besetzten sie die Fabrik und produzierten weiter. Das missfiel dem Eigentümer. Er fand eine willfährige Justiz und ließ gewaltsam räumen. Mit Hilfe nicht-peronistischer, unabhängiger Organisationen verschafften sich die Arbeiterinnen erneut Zutritt. Als ich sie traf, hatten sie an einer Straßenecke, 50m von der Fabrik entfernt, ein Zeltlager errichtet. Nach der dritten, besonders gewaltsamen Räumung demonstrierten sie hier seit Tagen für ihre Rechte. Es war ein kalter, regnerischer Abend, und Wasser tropfte von den Planen des Hauptzeltes, als Delicia, eine 52- jährige Näherin, mir ihre Lage beschrieb.

Wir sind alle krank und haben kein Geld, um Medikamente zu kaufen… Außerdem sind wir schlecht ernährt. Wir essen einmal, höchstens zweimal am Tag, wenn wir können, Reis, Nudeln und Maisbrei mit Soße. Ein ordentliches Essen mit einem Stück Fleisch können wir uns nicht leisten.

Das Feature beendete ich damals mit folgendem Fazit:

Die Frauen der Brukman-Fabrik sind zum Symbol des Widerstands gegen ein Unternehmer-System geworden, das nur das Raffen von Profiten und deren Anlage im Ausland zum Ziel hat. Ein volkswirtschaftliches Bewusstsein oder gar eine soziale Verantwortung ist in diesen Kreisen unbekannt. Ganze Industrie-Viertel liegen in dem potentiell reichen Land brach, Hunderttausende hungern in Argentinien, das einst zu den größten Lebensmittelproduzenten der Welt zählte. Und deshalb versuchen die Schneiderinnen von Brukman, die Keramiker von Zanón, die Metaller von der IMPA: die Arbeiter und Arbeiterinnen von mehr als 130 Fabriken zu beweisen, dass Produktion auch sozialen Zwecken dienen kann.

Die Brukman-Fabrik und viele der anderen von der Belegschaft in Selbstverwaltung übernommenen Betriebe existieren noch immer. Diese Erfahrungen in Argentinien – die Notwendigkeit kollektiven Widerstands und solidarischen Handels, der Einfluss von Basisorganisationen und der wachsenden Zivilgesellschaft – haben seither meine journalistische Neugier bestimmt.

Das ganze Feature zum Nachhören hier:

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ©Peter B. Schumann

Fotos: ©Jeanette Erazo Heufelder

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Barbara Bohr sagt:

    Hat dies auf Tertulia rebloggt und kommentierte:
    Tolles Feature. Peter B. Schumann in Buenos Aires. Hört mal rein!

    Liken

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