Noch mehr Wunder zu entdecken!

James Noëls gefeierter Roman „Was für ein Wunder“, der mit dem Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt ausgezeichnet wurde, erschien bei Litradukt, dem – laut Eigenbeschreibung des Verlags – „einzigen Spezialverlag für Haiti im deutschsprachigen Raum“, in dem auch Georges Anglades Bücher beheimatet sind. Anglade war der Meister der lodyans. Und lodyans  – eine Verballhornung des französischen audience –  die Erzählkunst der kleinen Leute auf Haiti, ein Produkt der Zuckerrohrplantagen wie  Kreolisch  und Voodoo. Zwei lodyans-Bücher von Georges Anglade sind bei Litradukt erschienen: die Satire „Und wenn Haiti den USA den krieg erklärt?“ und der Erzählband „Das Lachen Haitis“. Dieses Lachen, sagt Anglade, sei der Schlüssel zur lodyans: „Es ist ein Lachen, das schon die Sklaven hatten. Die Haitianer schaffen so eine große Distanz zu sich selbst und den Dingen, die ihnen widerfahren. „Dieses Lachen ist unsere Erzählhaltung – es macht sich gleichzeitig über die Geschichte lustig und über den, der sie erzählt. Aus diesem Geist entstand unsere Erzähltradition, das Lachen Haitis.“ (aus Bayerischer Rundfunk, Bayern2 Kulturwelt, Hendrik Heinze, 28. Oktober 2009)

Georges Anglade, 1944 in Port-au-Prince (Haïti) geboren, war Wissenschaftler, Politiker, Schriftsteller und führendes Mitglied der Demokratiebewegung seines Landes. Er saß unter Präsident Duvalier als politischer Häftling im Gefängnis und war unter Präsident Aristide Minister. Zwischenzeitlich lehrte er Geografie an der Université du Quebec in Montreal  und beschäftigte sich als Wissenschaftler mit den Entwicklungsproblemen seiner Heimat.  Er starb 2010 beim Erdbeben von Haiti unter den Trümmern seines Hauses und vermachte der Welt einen Romananfang wie diesen:

Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?« Die Frage tauchte urplötzlich am zehnten Tag des Irakkriegs auf. Am 29. März 2003. Hervorgesprudelt wie ein schwarzer Spermastrahl aus den Eingeweiden einer Ölquelle unter hohem Druck. In Port-au-Prince war es die Frage der letzten Chance. Die zu Ende gehende Trockenzeit hatte alles sonnengelb gebrannt. Tiere und Pflanzen blickten starr zum Himmel in der Hoffnung auf ein Zeichen oder sonst irgendetwas von oben, seien es auch Bomben oder gar Fallschirmjäger. Eben irgendetwas, damit das Treten auf der Stelle aufhörte, von dem man wahnsinnig wird, wenn es sich ewig in die Länge zieht. Auch die Menschen hatten alles zu gewinnen und nichts zu verlieren, denn das letzte Mittel konnte nur vom Himmel kommen. Aber wählerisch sein kam nicht in Frage, man nimmt, was runterkommt, mitsamt den dazugehörigen Kollateralschäden. Irakkrieg ist Irakkrieg. Leseprobe des Verlags

Foto: Porte-au-Prince via Wikimedia Commons

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