Guillermo Martínez und der philosophische Kriminalroman Argentiniens

Autor: Peter B. Schumann

 Deutsche Verlage finden seit Jahren in Kriminalromanen aus Lateinamerika einen besonderen Reiz. Das hängt sicher nicht nur mit dem Interesse an der Literatur aus diesem Kontinent zusammen, sondern auch mit der großen Vielfalt an Stimmen und den Besonderheiten der Thematik. Ende dieser Woche erscheinen im Eichborn-Verlag zwei Krimis aus Argentinien von Guillermo Martínez: neu aufgelegt sein Bestseller Die Oxford-Morde zusammen mit seinem jüngsten Werk Der Fall Alice im Wunderland. Peter B. Schumann konnte mit dem Autor in Buenos Aires nur telefonieren, denn natürlich hat die Pandemie auch vor Argentinien nicht Halt gemacht.

                                 „Unsere Situation ist fast im gesamten Land sehr gut. Sie hat sich allerdings im Großraum Buenos Aires, in den ärmeren Vierteln etwas verschärft. Dort ist die Zahl der Neuinfizierten auf 300 täglich gestiegen. Dennoch haben wir bisher in den mehr als acht Wochen der Quarantäne nur 400 Todesfälle zu verzeichnen: eine Folge der strengen Ausgangsbeschränkungen. Und gerade jetzt fordert der oppositionelle Teil der Bevölkerung, die Quarantäne aufzuheben, während wir die größte Welle der Infektionen erwarten.“

Guillermo Martínez hat gewissermaßen Glück, denn seine Arbeit findet zur Zeit nur am heimischen Laptop statt. Für seine zahlreichen Erzählungen, Essays und Romane ist er vielfach ausgezeichnet worden. International bekannt wurde er 2003 mit seinem auch verfilmten Kriminalroman Crímenes imperceptibles, auf Deutsch Die Oxford-Morde. Und in diesen Tagen erscheint nun sein jüngster Krimi Der Fall Alice im Wunderland. In beiden Büchern geht es um seltsame Machenschaften.

                                 „Ich möchte, dass der Leser das, was er liest, in Zweifel zieht, dass er zwischen den Zeilen liest – so Guillermo Martínez. „Dazu möchte ich ihn gerade in diesen beiden Kriminalromanen der Intrige herausfordern. Darin beschreibe ich die menschliche Natur, vor allem ihre dunklen Seiten, die sich erst erschließen, wenn man das Äußerliche in Zweifel zieht, wenn sich der wahre Charakter, die menschliche Erbärmlichkeit offenbart. Und außerdem interessiert es mich, wie sich die Sichtweise auf dieselben Dinge in unterschiedlichen Zeiten völlig verändert.“

Im Mittelpunkt von Der Fall Alice im Wunderland steht beispielsweise die Frage: War Lewis Carroll, der Autor des weltberühmten Jugendbuch-Klassikers, ein verkappter Pädophiler? Im 19. Jahrhundert war es in England sozialer Konsens, Mädchen mit 12 oder 13 Jahren zu verheiraten, und niemand fand Carrolls Fotosammlung halb bekleideter Kinder anstößig. Doch im Großbritannien unserer Zeit, in dem der Roman angesiedelt ist, drohen wissenschaftliche Nachforschungen den Ruf des hochgeschätzten Schriftstellers und damit einer ganzen Gesellschaftsschicht zu zerstören. Also versuchen interessierte Kreise, die Aufklärung mit allen Mitteln zu verhindern.

                                 Daraus könnte ein ganz konventioneller Krimi entstehen, wie es auch viele in Argentinien gibt. Guillermo Martínez hat jedoch in mathematischer Logik promoviert und ist tief im Werk von Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares verwurzelt. Beide haben mit ihren literarischen und geisteswissenschaftlichen Vexierspielen in einigen ihrer gemeinsamen Erzählungen dem argentinischen Kriminalroman eine philosophische Dimension gewiesen. Und damit eine internationale Tradition begründet, in der sich auch Guillermo Martínez sieht.

                                 „In gewisser Weise könnte man den Italiener Umberto Eco und den Österreicher Leo Peruz erwähnen oder die beiden Polen Stanislaw Lem und Witold Gombrowicz, der sogar ein Vierteljahrhundert in Buenos Aires lebte. Mich interessiert am Kriminalroman die logisch-philosophische Ausrichtung der Aufklärungsarbeit.“

                                 Aus diesem multidimensionalen Charakter beziehen seine Werke ihre besondere Spannung. Das verbindet ihn mit einem anderen großen, lateinamerikanischen Autor von Kriminalromanen: mit dem Kubaner Leonardo Padura. Dieser greift in seinen Rahmenhandlungen oft weit in die Geschichte aus, um dann auf der Gegenwartsebene seine massive Kritik an den kubanischen Zuständen auszudrücken. Diesen konkreten gesellschaftskritischen Impetus besitzt Guillermo Martínez nicht. Er verfolgt eher einen ludischen Ansatz: er möchte den Leser mit literarischem Spielmaterial faszinieren. Das gelingt ihm hervorragend in Der Fall Alice im Wunderland, zu dem ihn ein kurioser Zufall inspirierte.

                                 „Eine aus den Tagebüchern von Lewis Carroll herausgerissene Seite wurde tatsächlich erst vor einigen Jahren aufgefunden. Darauf habe ich einen für meine Geschichte entscheidenden Satz gelesen. Ich habe sozusagen in meinem philosophischen Kriminalroman die Exhumierung seines Charakters anhand dieses einzelnen Satzes auf einem Stück Papier vorgenommen.“

 

Foto: via Wikimedia Commons

 

 

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